Araber und Kurden müssen nicht eins sein

Araber und Kurden müssen nicht eins sein


„Bist du Araber?“, fragte er neugierig.
„Kurde”, antwortete ich mit einem knappen Nicken.
„Freut mich. Kurden oder Araber ist doch kein Problem. Wir sind eins”, fügte er freundlich hinzu.
„Ja, sicher”, erwiderte ich und beließ es dabei, da mir das Thema für ein kurzes Gespräch mit einem Fremden in der Umkleidekabine vom Fitnessstudio ein Overkill war.

Dieser Dialog, den ich heute nach meinem Training hatte, kommt in dieser Art nicht selten vor. Dennoch hat die Situation mich genervt. Vor allem, weil ich in jenem Moment eigentlich widersprechen und sagen wollte, dass wir nicht eins sind. Ich hatte aber Angst, dass ich missverstanden werde.

Auf der einen Seite glaube ich, dass Leute mit dieser Aussage nur Gutes meinen. Der Fremde heute wollte wahrscheinlich Freundlichkeit zeigen und die Spannung reduzieren – besonders in einer Zeit, in der die Situation in Syrien zwischen Arabern und Kurden ziemlich angespannt ist. Als ob er damit sagen wollte: „Hey, ich bin keiner von denen, die Hass säen”.

Auf der anderen Seite bin ich der Ansicht, dass sich hinter solchen Aussagen wie „Wir sind eins” das eigentliche Problem versteckt. Diese „gut gemeinte Ignoranz“ führt unter anderem zu Diskriminierung anderer Minderheiten und deren Identitäten – In dem Fall der kurdischen. Diese Ignoranz hört man täglich in vielen Situationen heraus, wenn zum Beispiel von „wir Araber”, „arabischem Essen” oder „der arabischen Welt” die Rede ist. Das Bedauerliche dabei ist, dass solche Sätze auch von uns Kurden unbewusst einfach so übernommen werden, weil wir eben mit dieser Ignoranz aufgewachsen sind. Oder besser gesagt: Damit aufwachsen mussten.

Denn die radikal arabisch-nationalistischen Baath-Regimes unter Führung der beiden Assads in Syrien und Saddam Husseins im Irak versuchten mit allen notwendigen Mitteln und über mehrere Jahrzehnte hinweg, andere, nicht arabische Identitäten auszulöschen. Ihr Slogan, den ich zweimal die Woche auf dem Schulhof laut und deutlich aufsagen und beschwören musste, war:

أمة عربية واحدة٫ ذات رسالة خالدة. „Eine vereinigte arabische Nation, mit einer ewigen Botschaft”.

Von der systematischen Arabisierung kurdischer Ortsnamen in Syrien – bekannt als der Prozess des ‚Arabischen Gürtels‘ – bis hin zum Verbot, die kurdische Sprache zu lernen und kurdische Feste wie der „Newroz“ öffentlich zu zelebrieren, verschwand mit der Zeit die kurdische Präsenz. Sowohl offiziell als auch in den Köpfen vieler Menschen. Somit etablierte sich in der syrischen Gesellschaft das Bild, dass die Kurden ja wie alle anderen seien – sie sprächen bloß eine andere, lustige Sprache. In jener bitteren Realität wusste man im Grunde fast gar nichts über sie. Und sie wussten viel zu wenig über sich selbst. Eine wahre Entfremdung von der eigenen Geschichte.

Das tyrannische Assad-Regime ist mittlerweile seit über einem Jahr gestürzt und das Bild über die Kurden hat sich auch leicht geschärft – auch wenn dies leider erst durch den syrischen Bürgerkrieg und die damit verbundenen tragischen Ereignisse geschehen ist. Wir müssen aber nach wie vor weiter an dem allgemeinen Bewusstsein arbeiten und die Botschaft vermitteln, dass es in Syrien nicht nur Araber gibt, sondern dass dort auch andere Völker leben – mit eigener Identität, Sprache, Kultur und Geschichte.

Diese Völker sind eben nicht eins, und das ist kein Problem! Erst wenn wir uns gegenseitig vollständig anerkennen und alle das Recht haben, ihre Identität in vollem Umfang auszuleben, wird der Weg zur Einigkeit frei. Diesen Weg können wir dann Meile für Meile unter fairen und gesunden Umständen gemeinsam gehen. Bis dahin, und solange der Weg durch Blockaden versperrt bleibt, sind proklamierte Einigkeit und Brüderlichkeit bloß eine naive Illusion. Sie bringen schlicht gar nichts – besonders wenn sie meistens nur von einer Seite behauptet werden: von der dominanten Seite.