Zînê

Aus dem Kurdischen übersetzt und kommentiert von Abdo Omar

Die achte und letzte Phase der genozidalen Anfal-Kampagne fand im August und September 1988 statt.

Mehrere Dutzend Dörfer in Südkurdistan (Nordirak) wurden gleichzeitig mit chemischen Kampfstoffen bombardiert. Überlebende berichteten von Wolken, die erst weiß, dann gelblich wurden und anfangs nach süßen Äpfeln rochen, bevor sie Atemnot, Erblindung und Hautverätzungen verursachten.

In der klassischen Dengbêj-Tradition erzählt uns Nizamettîn Arîç die tragische Geschichte einer vertriebenen Gruppe mit einem leidenden Kind, die ihr nicht mehr existierendes Dorf hinter sich ließ und die Grenze zur Türkei überquerte.

Dieses Meisterwerk stellt all unsere menschlichen Gefühle auf die Probe. Ich empfehle wärmstens, das Gedicht beim Lesen auch in der eigenen Stimme des Dichters zu hören. Denn Gedichte werden auf Kurdisch gesungen.

Abend

Amed bi ser Dîcle de giriya bi her du çavan e

Amed weinte über Dîcle mit beiden Augen

2 Anmerkungen

Amed ist eine kurdische Stadt im Norden Kurdistans (in der heutigen Türkei) – auf Türkisch bekannt als Diyarbakır.

Dîcle – auf Deutsch Tigris – ist ein Fluss, der im Norden Kurdistans entspringt, nach Süden durch den heutigen Irak fließt, um sich danach mit dem Euphrat zu vereinigen und zusammen in den Persischen Golf zu münden.

Got li min ê çi şermeke mezin e giran e

Und sagte: O weh mir, was für eine große, schwere Schande

Li başûrê welêt xelkê me bûye perîşan e

Im Süden des Landes ist unser Volk elend geworden

Anmerkung

Südkurdistan ist der Teil im heutigen Irak, wo das schreckliche Massaker von 1988 mit Giftgasen an der kurdischen Bevölkerung verübt wurde.

Digerin li warekî bo lê bibin mêvan e

Sie suchen nach einem Ort, an dem sie zu Gast sein können

Anmerkung

Hiermit ist die Suche nach Schutz gemeint. Der Dichter verwendet im Original den Begriff „Gast“, da Gäste in der kurdischen Kultur einen hohen Schutzstatus genießen.

Feleka xayînî çi şermeke mezin e giran e

O verräterisches Schicksal, was für eine große, schwere Schande

Li şûna biran, serdest bûye mazûban e

Anstelle von Brüdern ist der fremde Herrscher zum Gastgeber geworden

Anmerkung

Hiermit meint der Dichter die Türkei. Denn viele Kurdinnen und Kurden mussten nach den Giftgasangriffen in die benachbarte Türkei fliehen, weil sie ihre anderen Brüder aus anderen Teilen Kurdistans wegen der Teilung Kurdistans nicht erreichen konnten.

Mêvan rast kirine çadir û konan e

Die Gäste schlugen Zelte auf

Li dorhêlan leşker bi tiving û surgûyan e

Um sie herum Soldaten mit Gewehren und Bajonetten

Li min lê lê, li min lê lê, li min lê lê lê...

O weh mir, o weh mir, o weh...

Mitternacht

Derenge derenge...

Es ist spät, es ist spät...

Ro razayî ye, nîvê şevê ye

Die Sonne schläft, es ist Mitternacht

Ji binê konekî qirîna Zînê tê ye

Aus einem Zelt dringen die Schreie von Zîn

Anmerkung

Zîn (deutsch „Sien“ ausgesprochen) ist ein bekannter kurdischer Mädchenname. Berühmt durch das Liebesepos „Mem û Zîn“.

Zîna neh salî, ji birînan xew nê ye

Zîn die Neunjährige, findet wegen ihrer Wunden keinen Schlaf

Dayikê bang kir: Zînê ciwanî...

Die Mutter rief: meine junge Zîn...

Ez bi gorî, te kezeba min kewand

Könnt' ich deinen Schmerz nur tragen, du hast mir das Herz eingebrannt

2 Anmerkungen

Der Dichter verwendet im Original einen sehr typischen kurdischen Begriff „Ez bi gorî“, was in etwa heißt: Ich opfere mich für dich. Das Ziel der Selbstopferung hier ist, den Schmerz der leidenden Person abzunehmen.

Im Kurdischen verwendet der Dichter die verbrannte Leber statt das Herz, um das Leiden der Mutter in allergrößtem Schmerz zu beschreiben. Die Mutter sagt mit großem Mitleid zu ihrer Tochter wörtlich: Du hast meine Leber mit Eisen eingebrannt. Das ist typisch kurdisch, denn die kurdische Leber gilt als Sitz der tiefsten Gefühle. So kann zum Beispiel die Partnerliebe im Herz leben, jedoch die Liebe der Mutter zu ihrem Kind nur in der Leber.

Keçê lorî lorî lorî...

Mein Mädchen, schlaf ein, ach schlaf...

Anmerkung

Lorî lorî: ein kurdisches Wiegenlied.

Zînê got lê dayê, Zîn bi heyranê

Zîn sprach: Ach Mutter, Zîn ist dir ergeben

Anmerkung

Hier spricht Zîn in der dritten Person von sich selbst zu ihrer Mutter. Sie zeigt Empathie für ihre Mutter und bestätigt auf kindliche Weise ihre Liebe zu ihr.

Qirîn şerm e dizanim

Lautes Schreien gehört sich nicht, das weiß ich

Lê birînên min xedar in

Aber meine Wunden sind grausam

Agir û janê bedena min rebena Xwedê helandin

Feuer und Qual haben meinen Körper geschmolzen, den Körper dieses armen Geschöpfs Gottes

Li min lê lê, li min lê lê, li min lê lê lê...

O weh mir, o weh mir, o weh...

Die Nacht

Li dora çadirê civiyabûn, komeke jin û peyanî

Um das Zelt herum hatte sich eine Gruppe von Frauen und Männern versammelt

Anmerkung

Statt wörtlich „Männer“ verwendet der Dichter das Wort Fußvolk, was jedoch im Kurdischen als Synonym für Männer verwendet wird.

Mirovên serbilind, stûxwar li vir diman e

Stolze Menschen, jetzt mit gebeugtem Nacken hier verblieben

Anmerkung

Die direkte Gegenüberstellung von „serbilind“ („stolzer Kopf / erhobenes Haupt“) und „stûxwar“ („gebeugter Nacken“) fängt das Trauma der Figuren ein: Es sind aufrechte, stolze Menschen, deren Nacken nur durch die Last des unermesslichen Verlusts gebeugt ist.

Qîrîna Zînê agir berdabû cigera wan

Die Schreie Zîns entfachten Feuer in ihren Herzen

Anmerkung

Hier verwendet der Dichter wieder die Leber statt das Herz, was auf sehr starke Gefühle deutet.

Nemabû xewa çavan ne şahiya dilan

Kein Schlaf blieb den Augen, keine Freude den Herzen

Pirekê bang kir:

Eine alte Frau rief:

Xwedê jînê li kovan bike qetrane

Möge Gott dieses Leben vor lauter Kummer zu Pech machen!

Anmerkung

Hier wird die extreme Verzweiflung und Ausweglosigkeit perfekt dargestellt. Die alte Frau hofft nicht mehr auf eine bessere Zukunft, sondern betet zu Gott, ein Ende für dieses miserable Leben zu setzen.

Zarokên me kirin e mirî û birîndarên bomban e

Unsere Kinder machten sie zu Toten und Verletzten von Bomben

Warên bav û pîran li me kirine dojeh û zindan e

Das Land der Väter und Vorfahren machten sie für uns zur Hölle und zum Gefängnis

Em ji welêt sirgûn, bûne koçerên cîhan e

Wir wurden aus dem Heimatland vertrieben und sind zu Nomaden der Welt geworden

Kalekî bang kir:

Ein alter Mann schrie auf:

Hûn ê şîreta min bidine keç û xortan e

Gebt meinen Rat an die jungen Mädchen und Burschen weiter!

Li min lo lo, li min lo lo, li min lo lo lo...

O weh mir, o weh mir, o weh...

Anmerkung

Beide Klagerufe „li min lê lê“ und „li min lo lo“ drücken tiefen Schmerz aus und lassen sich mit „O weh mir“ übersetzen. Das Kurdische unterscheidet hier jedoch die grammatikalische Anrede nach Geschlecht: „lo“ adressiert Männer, „lê“ Frauen. Der Klagende wechselt den Ruf spontan, je nachdem, ob er sich an die umstehenden Männer (lo) oder Frauen (lê) wendet. Das verleiht dem Gesang die Dynamik eines unmittelbaren Dialogs mit der versammelten Gemeinschaft.

Ax, Li min lê lê, li min lê lê, li min lê lê lê...

Ach, o weh mir, o weh mir, o weh...

Hûn ê şîreta me bidine keç û xortan e

Gebt unseren Rat an die jungen Mädchen und Burschen weiter

Bes e xapandina salan

Genug der jahrelangen Täuschung

Bila êdî fêr bibin dersan e

Sie sollen endlich ihre Lektion lernen

Biratiya bêbextan hemî pêkenîn û talan e

Die Brüderlichkeit der Treulosen ist nur Spott und Raub

Li cîhanê kesek nabe hevalê bindestan e

Auf dieser Welt steht niemand den Unterdrückten bei

Anmerkung

Wörtlich: „Auf dieser Welt wird niemand zum Freund der Unterdrückten.“ Dieser Satz ist keine feige Beschwerde über das Vergessenwerden durch die Weltgemeinschaft, sondern ein dringender Appell zur Selbstermächtigung: Wer unterdrückt wird, darf auf keine Hilfe von außen hoffen, sondern muss die eigene Freiheit selbst erkämpfen.

Bona xatirê Zîna neh salî

Um der neunjährigen Zîn willen

Ku niha dike sikran e

Die sich jetzt zwischen Leben und Tod befindet

Bona xatirê Zer û Esmerên me kurdan e

Um der Blonden und Brünetten Kurden willen

Ku îroj berê xwe dane çol û Kerbela ne

Die heute in die Wüste und nach Kerbela gezogen sind

Anmerkung

Im Original verwendet der Dichter die kurdische Redewendung „sie richten ihr Gesicht auf die Wüste und gen Kerbela aus“, was so viel bedeutet wie „sie treten in die Wüste und in Richtung Kerbela an“. Dabei soll die Wüste die Not und Verlorenheit symbolisieren, während die Stadt Kerbela – eine heilige Stadt im Süden des heutigen Iraks – das totale Unrecht und das tragische Schicksal perfekt symbolisiert. Siehe „Die Schlacht von Kerbela“.

Bila hişyar bin, de bila hişyar bin

Lasst sie wachsam sein, oh lasst sie wachsam sein

Anmerkung

Der Appell geht hier weiter an die nächste, junge kurdische Generation.

Têkevin rêçeka serxwebûna Kurdan e

Und den Pfad der kurdischen Unabhängigkeit betreten

Li min lê lê, li min lê lê, li min lê lê lê...

O weh mir, o weh mir, o weh...

Morgendämmerung

Berbang e...

Morgendämmerung...

Berbanga rojekê îlona 88an e

Die Morgendämmerung eines Tages im September 1988

Cenazeyê Zîna çeleng radigirin e goran e

Sie tragen den Leichnam der anmutigen Zîn zum Grab

Şîna reş xwe berdaye ser konê mihaciran e

Schwarze Trauer hat sich über die Zelte der Flüchtlinge gelegt

Keçeke neh salî xwe gihandiye refên cangoran e

Ein neunjähriges Mädchen hat sich den Reihen der Märtyrer angeschlossen

Erê...

Ja...

Zînê ji bo xatirê gelê welatê xwe bûye qurban e

Zîn ist um des Volkes ihres Heimatlandes willen zum Opfer geworden

Dayika Zînê bang kir:

Zîns Mutter rief:

Hûn ê dawiyê bidine hêsiran e

Ihr werdet den Tränen ein Ende setzen

Hûn ê xwedî kin zarokên li ber şîrê dayan e

Ihr werdet die Kinder großziehen, die noch an der Brust der Mütter liegen

Li min lê lê, li min lê lê, li min lê lê lê...

O weh mir, o weh mir, o weh...

Zîn steht für die bis zu 182.000 Kinder, Frauen und Männer, die während der schrecklichen Anfal-Kampagne ermordet wurden oder verschwanden. Ihnen ist diese Übersetzung gewidmet. Mögen sie nicht vergessen werden.

Beitragsbild: Gemälde im Gedenken an Halabja — Foto: Sammy Six via Flickr